«Der Bund»

Kultur Ausgabe vom 16.09.2004

Galerie Artdirekt Jedes Zeitalter besitzt 36 Gerechte, besagt ein jüdischer Mythos, 36 fromme Menschen, dank deren die Welt weiter besteht. Wer aber diese Gerechten sind, bleibt unbekannt, auch die Ausgewählten selbst wissen nicht, dass sie es sind, die so viel Verantwortung tragen für ihre Mitmenschen. In der Skulpturengruppe, die Werner Neuhaus nach diesem Mythos gefertigt hat, finden sich jedoch Figuren, denen man die Bürde ihrer Erwähltheit anzusehen meint: Verzagt, mit hängenden Köpfen, stehen sie auf sockeldicken Füssen.

Die Holzfiguren der «Gerechten» gehören zu einer Ausstellung, in der die Galerie Artdirekt den Aussenraum mit einbezieht. Neun der etwa 1,50 Meter grossen Skulpturen stehen locker gruppiert auf dem Münsterplatz. Leer ausgelegte Metallsockel deuten an, dass es noch mehr gibt von diesen archaisch wirkenden Figuren, die der Berner Künstler mit der Motorsäge aus Eichenstämmen schneidet. Grob und ungeschliffen stehen sie da, die Gesichter kantig, angedeutet nur und doch ausdrucksvoll, besorgt oder sogar traurig wirkend durch die tiefen Augenhöhlen. Zur Herrengasse hin befindet sich eine Dreiergruppe liegender, in fötaler Stellung zusammengekauerter Figuren. Mit Kohle geschwärzt wirken sie wie verbrannt und erinnern an die Gipsabgüsse der im Ascheregen von Pompeji Erstickten.

Bedrohlich mutet die etwas abgerückt stehende Einzelskulptur «Pestmensch» an, auch diese Figur teilweise verkohlt, der Kopf unter einem metallenen Konstrukt verborgen, das an die schnabelförmige Pestmaske des Dottore aus der Commedia dell’ Arte erinnert. Vor dem Eingang der Galerie ein Wolf, der auf die Wolfsmasken und Werwölfe im Galerieinnern verweist und auf ein weiteres zentrales Thema in der Arbeit des 34-jährigen Holzbildhauers. In den Werwölfen begegnet dem Betrachter ein weiterer Mythos, deutlich düsterer und aggressiver gefärbt als jener von den Gerechten. Auch Thomas Hobbes’ Bild vom Menschen als Wolf lässt sich hier assoziieren.

Mit den Gerechten und den Wölfen lotet Neuhaus das Spektrum menschlichen Verhaltens aus. Die Hoffnungen und Ängste im sozialen Miteinander, aber auch das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Natur beschäftigen den Künstler, der vor der Ausbildung zum Bildhauer in Müllheim in der Forstwirtschaft arbeitete. In seinen Eichenfiguren ist der Mensch Bedrohender und Bedrohter zugleich. Mit wirkungsvoller Einfachheit verweist Neuhaus auf Fragen nach dem Verhältnis von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Natur. (ah)


«Berner Zeitung»

vom 08.09 2004

Da staunen die Touristen. Und haben gleich ein neues Fotosujet, vor dem sie posieren können. Auf dem Kopfsteinpflaster des Münsterplatzes steht seit einiger Zeit eine Schar kompakter hölzerner Gesellen. Wie aus dem Nichts waren sie auf einmal da. Stumm suchen sie nun den Kontakt, bewegungslos setzen sie Fragen in Bewegung. Ihre Präsenz ist jenseits des Beschaulichen, dem «heimeligen» Holz zum Trotz. Die Skulpturengruppe ist ein Werk des Holzkünstlers Werner Neuhaus, der in der nahe gelegenen Galerie an der Herrengasse ausstellt. (kr)