Die Ferne, in die der Mensch dem Tier gegenüber sich befindet, ist so weitläufig und unermesslich, dass sie ihn, wenn er darüber nachdenken müsste (es zwingt ihn anscheinend nichts dazu), in viel mehr als nur in eine vorübergehende Verlegenheit brächte. Das Tier scheint ihn nicht wesentlich zu betreffen, nie und nimmer als seinesgleichen, jedoch immer als Wesen, das ihm unterlegen ist, über das er den Sieg bei seinen Jagdspielen (und da geht es ja ums Töten des Tieres) davonträgt. Jagd und Schaukampf (mit so gennanten wilden Tieren) zeigt auch ein Ringen des Menschen mit seiner animalischen Natur, die sonst zwar nichts gilt, ­aber gelegentlich zum Vorschein kommt. Mit Tieren wird umgegangen, ge­­gen­wärtig und zum Teil schon immer, als befänden sie sich im angestammten, ursprünglich intendierten Besitz des Menschen. Über sie zu verfügen ist gar keine Frage, sondern nur eine Strategie der dafür notwendigen Mittel und Methoden. Tiere dienen in vieler Hinsicht zur quantitativen Hauptsache zum Verzehr, ein Verfahren, gegen das sie nicht Klage führen können, denn sie sind rechtlose Lebe­wesen. Von welchem Recht, wenn nicht dem nicht-kosmischen, ist da die Rede, und ist das die alleinige Rede?

Der Künstler Werner Neuhaus schafft Tierkörper in Holz. Er schafft sie mit einer Dringlichkeit und einer Zuständigkeit, als wäre er ihr (kosmischer) Anwalt. Der von ihm unter seinen Händen mit seinen Werkzeugen aus seiner Kraft gebildete Wolfskörper (kein nach- eher ein vorgebildeter) nimmt den sicheren Weg im Schnee, steht da, um sein Geheul an­zu­stimmen, spitzt die Ohren beim Ansetzen zum Sprung oder kauert auf der Lauer und wird endlich Sinngestalt zu dem, was ihn ausmacht: zu einer unbekannten, rätselhaften, unergründlichen Existenz. Zum Greifen nun ganz dicht vor Augen: dieses unverfügliche Tiersein. Ein horchendes, ein riechendes, ein lauschendes Wesen in der Welt, das seinen Weg geht, nicht nur den immerzu verfolgbaren, sondern den noch dahinstehenden, den kommenden. Diese Wesen sind wirklich «Vorläufer», sie weisen, sie wirken, sie zielen, sie sind da. Der grosse französische Bildhauer A. Rodin sagt: «Für den, der den Namen Künstler verdient, ist in der Natur alles schön … auch den verborgenen Trieb des Tieres erforscht er. Regungen von Gefühlen oder Gedanken, eine…Inteltigenz, das ganze…Seelenleben des Tieres nimmt er in seinen Blicken und Bewegungen wahr.»

Ich betrachtete diese Holzskulpturen der Wölfe im Freien, in Bad Ragaz, und es schien mir, dass hier einer zu Werke geht, der selbst Wolf gewesen sein musste, so sehr ist ein ganzes empathisches Vermögen involviert, also nicht einer, der weil er zu Werke geht, sich mal spieltreibend zum Tier macht, sondern der das Tier in sich entdeckt und freilegt. Werner Neuhaus wandelt sich schaffend zu einem Wolf unter Wölfen, mit dem einzigen aber entscheidenden Unterschied, dass er aus seinem Wolfsein heraustreten kann und dies zeigt. Er zeigt das Heraustreten als ein Innewohnen. Und zugleich zeigt er den Ort des Tieres, das Tier gehört auf die Erde, die Erde gehört dem Tier, wie das Tier aus ihr wächst, so bettet sich das Gras um das Tier (auf dem Gehweg entlang der Gartenanlage in Bad Ragaz), wie es sich im Schlaf als zugehörig selbst empfindet, zeigt es an, dass die Erde sein Leibwesen (und in der Umkehrung auch ihr eigenes) widerspiegelt.

Dann aber (daneben? darüberhinaus?) diese humanen Figuren, diese den aufrechten Stand erprobenden, und wie während einer Probestunde erwischt: die Kopfbeuge gelingt, den Nackenruck verträgt jemand, aber immer ihre Arme so an den Körper gepresst, (noch) ohne die Kraft zum Handeln, die aber schon vorgesehen ist. Diese Figuren sind wie welche, die ihren Tierleib gerade abgeschüttelt haben, die noch nichts wissen wollen von dem, was für sie da-zu-sein vorgesehen vorbestimmt ist, sie lassen sich ihr Dasein allenfalls (es ist das äusserste) gefallen. Materie, Material, Fülle,Stoff, sie sind wie erste Entwürfe eines übenden Gottes, denen das ganz grosse Erwachen noch bevorsteht.

Blindlings recken sie ihre Hälse, mit angezogenen Gliedmassen kauern sie auf dem Boden, stürzen auf die Knie, als wäre ihnen übel beigespielt – aber wie ganz anders als die Tiere, ihre Lebensgesellen, ihre allernächsten Verwandten, wollen sie anscheinend von ihrer gewichtigen, niederdrückenden Leiblichkeit nichts wissen, ihr Fremdsein ist ihnen selbst nicht zugänglich, hingeworfen zu Boden vergraben sie sich in ihre Leiber, als entfliehten sie so ihrem geforderten Dasein. Sie sind keine Figuren aus dem «Staub des Raumes» (J.P.Sartre), sondern Wesen vielmehr, die durch die Erdkruste gebrochen, geschlüpft sind, Entkommene allemal.

Es sind energetische Potenziale sondergleichen, gestützt, umringt, eingeschleust ins Stämmige des Holzes, beinah, als wären die Rinden gesprengt, als wären die Schalen gesplittert. Dass es nur überhaupt möglich ist, es so zu sehen, heutzutage, hierzulande, das ist die vielleicht stärkste Gegenwehr gegen alles so genannte Virtuelle, gegen die ganze Biederkeit des Multimedialen, in der Handarbeit nichts mehr zählt, dafür bunte Blitze einschlagen, Bilderblätter zucken, Blendendes hin und her schlägt,und die Augenblicke aufeinander funkeln – und bei Werner Neuhaus? Da gibt es gar nichts Reizvolles, da wird kein Lockstoff grell berstender Einblendungen ausgeschüttet, denn es ist gewiss: da ist die Schwerfälligkeit als eine jede Eiligkeit tötendes Hindernis konstruiert. Dieser Künstler kümmert sich nicht um das, was man gerade zur bildsprachlichen Mode erhebt, ihn bewegt nichts von dem, was es vor lauter Beweglichkeit an keinem Ort mehr aushalten kann.

Mir scheint es sich da auch um einen Versuch zu handeln, eine Rück- zu­-führung des Mysteriums der rätselhaften Menschwerdung anschaulich zu machen, ohne DNS-Analyse, ohne das Knacken eines genetischen Codes, ohne zu gängiggeläufigen Apparaturen zu greifen: eine künstlerische Arbeit höchster Intensität unmittelbar aus der Empfindung, sei es der Nachempfindung, sei es der Vorempfindung, wieder zu ihrem angestammten, zu ihrem berechtigten Recht zu verhelfen. Nochmals Rodin: «Wozu das Gesetz, das die Kreaturen ans Dasein kettet, um sie leiden zu lassen? Wozu die ewige Lockung, die sie das Leben mit all seinen Schmerzen so lieben lässt? Dies ist und bleibt ein quälendes Problem.»

Diese ganz anders anmutende (wirklich anwesend? nicht eben dem Traumland entrissen?), geordnet im einzelnen, rätselhaft beschaffene Figurengruppe, sieht man ihr nicht das Geworfensein ins Dasein an?; ja sie macht nichts weiter, als Fragen aufzuwerfen. Sind sie, noch nicht ganz entschieden, noch nicht ganz schlüssig auf dem Weg zum Menschsein, oder liegt es etwa hinter ihnen,horchen sie hinaus ins Zurückgelassene (diese klobigen Köpfe, sie sind vielmehr totale Ohren, bleiben daher so prompt stehen, folgen etwa einem Ruf?). Diese Lage am Boden! Kein animalisches Festgestelltsein, nur ein Fürchten vor dem Strecken, das Anwesendsein bekundet, lieber so bleiben in dieser «incurvatio in se ipsum» (Eingebogenheit in sich selbst); und sie haben es schon vernommen, dass sie sich raffen, erheben müssen, Fremdlinge am Erdboden, denen, ganz anders als dem Tier, die totale Empfindungsfähigkeit gar nicht zukommt, ungeschlachte Gestalten: was wollt ihr? Ihr Rohmaterial für Unbehauste, die ihr nicht eines gezielten Blickes fähig seid! Mir scheint, sie warten auf den Einbruch der erlösenden Sprache: und man sieht es genau, wie beredt von Werner Neuhaus Sprachlosigkeit, Stummheit ins Holz geschlagen sind – die Heimat des Menschen, der sich auf seinen Weg macht, ist die Sprache, die in ihm aufsteigt, und ihm nach und nach Weilen anvertraut: er muss hören, er wird verstehen! Im Sprachvermögen wird dem Menschsein sein Recht zugewiesen und damit auch das Tiersein wieder in seines erhoben: im Kosmos geht (gehört?) beides zusammen. Werner Neuhaus zeigt, dass der Mensch auch in seiner vorläufigsten, seiner gröbsten Gestalt keine wirkliche Natur hat, auch nicht wirklich in der Natur ist, sondern getrieben wird von einem ruhelos ansteckenden Geist und sich der Geisttätigkeit hinzuwenden hat, mag er sie zunächst noch scheuen.

Man kann diesen seltenen und überaus begabten Bildhauer, den Künstler Werner Neuhaus, nur bewundern, dass er es sich nicht nehmen lässt, seinen Widerstand sichtbar in die Form, die er der Sprache der Natur entnommen hat, zu versetzen, unbeirrt von aktuellen Strömungen seine Werktätigkeit in Angriff zu nehmen, sich beugt vor dem Unbeugsamen, das gewachsene Gestalt ausmacht, werkgerecht eindringt ins eigentlich Unerschöpfliche, in dieses Unbekannte, von dem man leichtsinnigerweise annimmt, es längst ergründet und entzaubert zu haben. «Nie und nimmer ist das Rätsel der Existenz von Lebewesen, von Leben jemals zu lösen, jemals phänomenologisch lösbar. Es lässt sich nämlich überhaupt nicht lösen von dem Hinblick, dem man es widmet, von der Achtsamkeit, die man ihm zollt. Denn schliesslich fühlen und begreifen wir nur die Aussenseite der Dinge, wie sie sich zeigen und auf unsere Sinne und Seele Eindruck machen können. Alles Übrige verliert sich in unendlichem Dunkel. Und selbst ganz dicht neben uns sind tausend Dinge verborgen, die wir nicht fassen können, weil wir nicht dazu veranlagt sind.» (A. Rodin).



Martin Kolbe, Buschwiller (Frankreich) im Juli 2003